Wie sieht der „Zipferlake“ aus?
Diese Station des Lernzirkels hat den „Zipferlak“ von Christian Enzensberger als Textgrundlage. Bei diesem Gedicht handelt es sich um eine Nachdichtung des berühmten „Jabberwocky“ aus Lewis Carolls „Alice hinter den Spiegeln“, dem Nachfolgeband von „Alice im Wunderland“.
Die Wirkung dieses Texts beruht, wie auch im englischen Original, auf der Verwendung von lautmalerischen Nonsense-Wörtern. Obwohl im ganzen Gedicht keinerlei konkrete Aussagen über dieses Wesen gemacht werden, kann sich der Leser durch Assoziationen eine Vorstellung vom „Zipferlaken“ machen. Viele der verwendeten Wortschöpfungen erinnern lautlich an Wortfelder wie „Ungeheuer“, „Raubtiere“, „Kampf“ oder ähnliches, so dass entsprechende Bilder und Empfindungen erzeugt werden.
Aufgabe an der Lernstation ist, gerade diese bei der Lektüre anklingenden Bilder unmittelbar sichtbar zu machen, indem die Schülerinnen und Schüler frei ihren individuellen Zipferlaken zeichnen oder malen. Bewusst wurde in den Arbeitsanweisungen deshalb darauf verzichtet, die Informationen über dieses Wesen zu versprachlichen oder verbal übersetzen zu lassen. Zunächst wird der Text innerhalb der Gruppe laut vorgelesen und nochmals einzeln still durchgearbeitet. Mit Hilfe von Wachsmalkreiden und Kohlestiften können die Schülerinnen und Schüler anschließend ihre Version des Ungeheuers umsetzen. Denkbar wären sicherlich auch andere Zeichenmaterialien, doch haben diese den Vorteil, bei schneller und unkomplizierter Handhabung kräftige Farben, aber auch Schattierungen zu ermöglichen.
Die künstlerisch-kreative Umsetzung eines Gedichts bietet den Schülern eine Abwechslung von der meist abstrakten und analysierenden Zugangsweise zu Texten, zwingt jedoch gleichzeitig zum genauen Lesen: Nur wer die verschiedenen Aspekte der Beschreibung erfasst, kann ein detailliertes Bild des Zipferlaken zu Papier bringen. Gleichwohl enthält der Text genügend Leerstellen, um der Phantasie der Schülerinnen und Schüler Raum zu lassen, wie auch aus der Verschiedenartigkeit der gezeichneten Ergebnisse zu erkennen ist.
Auch führt dieses Gedicht auf einer impliziten Ebene zur Reflexion über die Wirkung von Sprache. Wie sich in der Umsetzung gezeigt hat, stößt die Arbeitsanweisung teilweise zunächst auf Unverständnis, da sich aus dem Text keine ausdrücklichen Merkmale des Zipferlaken ableiten lassen. Dennoch wird den Schülerinnen und Schülern rasch klar, dass aufgrund der lautmalerischen und zu Assoziationen einladenden Neologismen dennoch ein mehr oder weniger scharf umrissenes Bild des beschriebenen Ungeheuers entsteht.
Nicht zuletzt dient die kreative Beschäftigung mit diesem Gedicht auch dem allgemeinen Ziel des Lernzirkels, der Förderung der Lesefreude. Auf eine spielerische Weise wird den Schülerinnen und Schülern durch die Auswahl ein Werk der Weltliteratur nahe gebracht und dadurch möglicherweise das Interesse an der Lektüre des gesamten Romans geweckt.
Auf den folgenden Seiten sind die kreativen Ergebnisse der Schüler zu sehen. Auf eine Wiedergabe des Originalgedichts wurde aus Urheberrechtsgründen verzichtet.
Sebastian Albert