Dramatisches Gestalten: Die Räuber

„Die Räuber“ von Friedrich Schiller

Aufführung der P-Seminar-Theatergruppe am 29. November 2012

Was hat ein Radio in Schillers Drama „Die Räuber“ zu suchen? Warum trägt der alte Graf von Moor eine Armbanduhr? Gab es zu Schillers Zeiten Rollstühle und warum sitzt Moor senior darin? „Ich war geschockt“, sagt Amalia von Edelreich, als sie merkt, dass Franz von Moor was von ihr will. – Ist das die Sprache von 1781?

Die Antwort lautet: Diese und noch mehr Modernisierungen waren die Garantie dafür, dass die Inszenierung des Sturm-und-Drang-Dramas durch die P-Seminar-Theatergruppe im Café Cairo gelang!

Das anfangs eingeblendete Video von Marcel Reich-Ranickis Ausführungen zu dem „ganz und gar unmöglichen Stück“ war der erste  geschickte Schachzug: Der Zuschauer wurde so über den Inhalt informiert – ein nicht zu unterschätzender Aspekt angesichts des Chaos, das Schiller auf die Bühne bringt. Und der Zuschauer war aufgefordert, sich seine Meinung zu dem Drama zu bilden: Ist es tatsächlich „ein miserables, ein törichtes, ein schändliches, ein albernes Werk“ (Reich-Ranicki) oder bietet es Qualitäten, die es zu entdecken galt?

Jedenfalls: Die Schauspieler bekamen den umfangreichen und überbordenden Text in den Griff. Die Kunstgriffe – Einspielungen in modernisierter Sprache, mimische Begleitung des Textes, Radionachrichten – halfen ihnen dabei. Die Leistung einzelner Schauspieler/innen blieb trotzdem enorm, allen voran die von Annika Wander als Räuberhauptmann Karl. Sie zeigte Textsicherheit und den Mut, emotional aus sich herauszugehen. Auch die Räuber Spiegelberg (gespielt von Katharina Reißmann) und Schweizer (Corinna Ehrmann) beeindruckten durch die Art, wie sie die Charaktere der Räuber verkörperten.

Die reduzierte Bühne passte: vor schwarzem Hintergrund einige wenige Requisiten, die Signalwirkung haben. Der Rollstuhl  - Sinnbild für Graf Moors Hinfälligkeit; zwei Schreibpulte stehen sich gegenüber - Platz für die Kontrahenten Amalia  und Franz; Die Projektion einer Waldlandschaft – Ort der Räuberbande. Die minimalen Umbauten, der Wechsel in Technik und Beleuchtung signalisierten den Szenenwechsel. Das Geschehen auf der Bühne gewann so an Frische und Nähe zum Publikum.

Im Zuschauerraum saßen dicht gedrängt Schüler, Eltern, Lehrer, Freunde. Sie gingen zunehmend mit, an einigen Stellen setzte es überraschende Lacher. Das ungeheure Geschehen auf der Bühne – Intrigen, Mord und Totschlag, angedrohte Vergewaltigung, Treueschwüre und Treuebrüche, Entführung und Einkerkerung, Befreiung und Tod – war manchmal nicht so leicht auszuhalten. Gefühlsüberschwang ist in einer coolen Gesellschaft nicht ganz geheuer.

Umso bewundernswerter ist der Mut des P-Seminars unter der Leitung von Herrn Pfahler, sich mit diesem Stoff auseinanderzusetzen. Die kreative Umsetzung  gelang eindrucksvoll und schlug bravourös den Bogen in unsere Gegenwart. 

Übrigens: Reich-Ranicki hat das Drama in seinen "Kanon der deutschen Literatur" aufgenommen! „Die Räuber" sei, trotz aller Einwände, die er in dem eingangs gezeigten Video nennt,  „ein Stück voller Kraft und ungeheurer Protestwirkung, herrlich!"

Dramatisches Gestalten: Expressionismus am RGW

tl_files/Bilder_Faecher/Deutsch/DramGestalten/Expressionismus.jpg„Professor: Und nun, meine Herren, habe ich Ihnen zum Schlu[ss] noch eine ganz köstliche Überraschung aufgespart. Hier sehen Sie, habe ich die Pyramidenzellen aus dem Ammonshorn der linken Hemisphäre des Großhirns einer vierzehntägigen Ratte aus dem Stamme [C]atull gefärbt und siehe da, sie sind nicht rot, sondern rosarot mit einem leicht braunvioletten Farbenton, der ins Grünliche spielt, gefärbt. Das ist nämlich hochinteressant.
Lutz : Wenn man nun, Herr Professor, dies Präparat genau angesehen hat, lä[ss]t sich dann irgend etwas anderes sagen als: So, so, dies ist also nicht rot, sondern rosarot mit einem leicht braunvioletten Farbenton, der ins Grünliche spielt, gefärbt?“    
So parodierte Gottfried Benn 1914 in seinem Werk „Ithaka“ den neuen Wissenschaftsglauben, mit dem man die Geheimnisse des Seins entschlüsseln wollte.
Expressionismus - darunter versteht man die Gegenbewegung zum Naturalismus, der Anfang des 20. Jahrhunderts entstand. Unter anderem sind die Betonung einer neuen Brüderlichkeit und der neue Wissenschaftsglaube, der auch nicht von Nutzen ist, um den elementaren Dingen des Lebens auf den Grund zu gehen, in den Fokus der expressionistischen Autoren gekommen.  Um genau dies zum Ausdruck zu bringen, machten es sich die „Expressionisten“ des Röntgengymnasiums nicht zur Aufgabe, dem Publikum einen gewöhnlichen Theaterabend zum allgemeinen Vergnügen zu bieten, nein das Gegenteil war der Fall. Sie wollten das Zerschlagensein der alten Welt, ein Bild, das die Expressionisten sich oft vor Augen führten, zum Ausdruck  bringen. Um den Zuschauern dieses Gefühl näher zu bringen, entschloss sich der Grundkurs dramatisches Gestalten unter der Leitung von Herrn Pfahler für seinen Expressionismus-Abend keine gewöhnliche Bühne zu wählen, sondern die Holztreppe des großen Treppenhauses. Gekonnt vermittelten die „8 Expressionisten“ abwechselnd in Gedichten und Einaktern das Gefühl der Verlorenheit, den glaubensfesten Umgang mit der Wissenschaft und der Angst und dem Leiden im Krieg. Zu hören waren unter anderem „Ithaka“ (1914), „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“ (1912) und „Nachtcafé (1912) von Gottfried Benn, „Mädchen“ (1913) und „Abschied“ (1914) von Alfred Lichtenstein und „Die Stunde der Sterbenden“ (1914) von Hanns Johst und vieles mehr. Das expressionistische Programm wurde sehr präzise und eindringlich vorgetragen. Viele Dynamikunterschiede und Steigerungen, gefolgt vom Abbremsen des Sprechtempos, brachten eine direkte und konzentrierte Verbindung zum Publikum und erzeugten ein Gefühl der Unmittelbarkeit, als würde man selbst eine schwere Last aufgelegt bekommen, die man nicht abschütteln kann. All dies vermittelten Hanna Bönecke, Lisa Herbst, Anastasia Jarigin und Carina Paul aus der 11. Jahrgansstufe, sowie David Josefs, Lisa Keilhofer, Charlotte Kluger und Jennifer Roth von der Q12 gekonnt, als hätten sie eine lange Schauspielausbildung abgeschlossen. Dass sich die Schauspielerinnen und Schauspieler ernsthaft mit dem Thema des Expressionismus beschäftigten und dieses zusammen mit Herrn Pfahler erarbeiteten, trug ebenfalls dazu bei, dass es sich bei dem Expressionismus-Abend nicht um eine laienhafte Schülervorstellung, sondern um Kunst auf sehr hohem Niveau handelte. Nicht nur die schauspielerischen Leistungen waren hoch professionell, auch die Lichteffekte und die passende Musik trugen zum stimmigen Gesamtbild des Abends bei. So erleuchtete während des Vortragens der Gedichte nur ein kleiner Scheinwerfer den Raum, der alle Aufmerksamkeit auf den Sprecher richtete. Die dezente Beleuchtung beim Spielen der Einakter unterstrich die bedrohliche, verlorene Atmosphäre der Epoche des Expressionismus. Verstärkt wurde dies durch Musik von Bartòk, Gershwin, Stravinsky und Schönberg, die für den Zuschauer während der Umbauphasen die Spannung durch das eben Vorgetragene aufrecht erhielt. Zusammenfassend kann man sagen: Ohne Zweifel ist es dem Grundkurs dramatisches Gestalten von Herrn Pfahler sehr gut gelungen, das anspruchsvolle Thema des Expressionismus grandios umzusetzen. So dürfen wir uns hoffentlich noch auf viele interessante Abende unter Herrn Pfahlers Leitung freuen, der es versteht, aus jedem seiner Schüler, das schauspielerische Talent bestmöglich zu fördern und ihnen beibringt, mit viel Spaß und Freude an Literatur zu arbeiten.
Ann-Kathrin Waldherr, Q12

Die 12 Geschworenen

Ein paar kleine Einblicke in die Vorführung.

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